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Die nicht tötende Gesellschaft - Illusion oder Ziel?

Aktualisiert (Montag, 14. September 2009 um 15:25 Uhr) Geschrieben von: Anis Hamadeh Sonntag, 09. August 2009 um 13:45 Uhr

 

An der Oberfläche herrscht Einigkeit darüber, dass das Töten in der Welt zu reduzieren ist, möglichst zum Nullpunkt. Gleichzeitig haben neue Kriege begonnen, die in der Mainstream-Öffentlichkeit nicht hinreichend hinterfragt werden. Man kann dies als gesellschaftliche Doppelmoral kritisieren, aber auch als Werteverlust erkennen, der durch Aufklärungsarbeit behebbar ist. Müssen deutsche Soldaten wirklich in Afghanistan töten und getötet werden? Ein Großteil der Bevölkerung sagt Nein, hat aber nicht die Kraft, um diesen Standpunkt durchzusetzen. Zu tief verwurzelt ist der Glaube, dass das Töten und das Drohen damit wirksame Formen der Politik darstellen. Kennen wir überhaupt eine friedliche Welt, sei es zu Hause, in der Schule, an der Arbeitsstelle, in der Gesellschaft? Es scheint manchmal, als fehlten schlicht die Vorbilder, die die Möglichkeit von nicht tötenden Gesellschaften beweisen. Oder ist es doch nur die Brille unserer letalen Tradition, die uns Tendenzen des Nichttötens übersehen lässt?


Tendenz zum Nichttöten

Die Entwicklung der Staatengemeinschaft ist eigentlich nichts anderes als eine Tendenz zum Nichttöten. Es begann mit einem neuen Bewusstsein von der Welt, mit gutem Kartenmaterial und der Internationalisierung von Zeitzonen. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die Ausarbeitung internationalen Rechts, der Völkerbund, die Verabschiedung der Genfer Konventionen und die Einrichtung der Vereinten Nationen und eines internationalen Gerichtshofs sind Meilensteine, die deutlich den Willen der Staaten zeigen, Gewalt und besonders Tötungsgewalt zu überwinden. Wenn wir einander kennen lernen und uns vertraglich einigen, so der Grundgedanke der internationalen Gemeinschaft, dann wird der Frieden wahrscheinlich.

Dies ist eine Realität, der eine zweite gegenübersteht, nämlich die der Manipulation und egoistischen Deutung der oben aufgeführten Institutionen des Friedens. Die Korruption. Dazu gehören in diesen Zeiten besonders Staatsterrorismus und das Brechen internationalen Rechts von den militärisch Starken durch "präemptive" Gewalt. Das Gesetz des Dschungels ist offenbar noch nicht überwunden. Es führt unter anderem zu Terrorismus.


Neue Voraussetzungen

Der Faktor Öffentlichkeit ist für die Friedensstiftung von zentraler Bedeutung. Beispiele sind investigative Medien, aber auch die Propheten der Schriftreligionen, Whistleblower, politische Dichter und Großdemonstrationen. Das Internetzeitalter hat unseren Begriff der Öffentlichkeit verändert. Neben der frontalen Öffentlichkeit in Schule, den Medien und bei den Politikern sind neue Formen entstanden. Jeder kann heute seine oder ihre eigene Öffentlichkeit bilden und es ist leicht, sich zu vernetzen und frei Informationen zu kommunizieren.

Dieses Phänomen besteht erst seit etwa fünfzehn Jahren und kommt mit der zunehmenden Internet-Kompetenz der Bevölkerung erst jetzt richtig zur Geltung. Es ist eine Zeitenwende, die die Kommunikationsmöglichkeiten enorm verbessert und es immer schwieriger macht, Informationen zu unterdrücken. Dies wirkt sich vorteilhaft auf die Tendenz des Nichttötens aus, wenn es auch die Fehl-Informationen aus dem Mainstream nicht verhindern kann, die traditionell mit Krieg und Töten einhergehen.


Frage der Werte

Der Realisierung von nicht tötenden Gesellschaften fehlen also nicht die Voraussetzungen. Uns fehlen weder die Leute noch die Ideen, um friedliche gerechte Lösungen für innere und äußere Konflikte zu finden. Uns fehlen die Werte, uns fehlt Wissen.

Eine nicht tötende Gesellschaft wird solche Politiker, Journalisten und Unternehmer ächten, die das Töten als Option sehen. Sie wird sie nicht respektieren und nicht ernst nehmen. Im Moment ist es - zum Beispiel in Deutschland - immer noch genau anders herum: Wer die Bluttaten befreundeter Staaten relativiert, rechtfertigt und unterstützt, hat viel größere Aufstiegschancen als jemand, der sich allgemein gegen das Töten und seine Voraussetzungen ausspricht. Der Aufstieg der amtierenden Bundeskanzlerin Merkel zeigt dies mit großer Klarheit.

Jedes Land hat seine Spezifika. Deutschand ist der drittgrößte Rüstungsexporteur der Welt und liegt bei der Aufrüstung etwa an siebter Stelle. "Deutsche Waffen, deutsches Geld töten mit in aller Welt" heißt es nicht ohne Grund. Außerdem sind wir Teil der Nato, die sich seit dem Zusammenbruch der UdSSR durch Rechtsbrüche hervorhebt. Selbst der Schrecken der Nazizeit hat also nicht dazu führen können, dass das Töten geächtet wird.

Ein Paradigmenwechsel ist notwendig, um die Kräfte der Gesellschaft an die Oberfläche zu befördern, die dem Wert des Nichttötens die angemessene Rolle zuweisen. Ohne einen Druck wird dieser Wechsel nicht stattfinden. Ein solcher Druck kann durch ein Ereignis eintreten wie zum Beispiel eine große Lüge, die auffliegt. Der Druck kann auch eintreten, wenn ein weiterer Krieg bevorsteht. Der Fall Gaza hat allerdings gezeigt, dass selbst 1400 Tote - größtenteils Zivilisten, viele Kinder - nicht zu einer Verurteilung der Täter führen müssen.

Betrachtet man die Linie der oben genannten Institutionen des Friedens und Nichttötens, liegt die Annahme nahe, dass sich dieser Trend langfristig durchsetzen wird, selbst wenn ein Paradigmenwechsel nötig ist, um den Sinn der betreffenden Dokumente wieder herzustellen. Das bedeutet, dass Schulen irgendwann die Werte des Nichttötens fördern werden, ebenso wie Medien und Politiker.

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