Ein Buch, das zum Umdenken zwingt

Aktualisiert (Dienstag, 19. Mai 2009 um 21:12 Uhr) Geschrieben von: Eva Quistorp Sonntag, 17. Mai 2009 um 15:25 Uhr

(Vorwort zu "Nonkilling - Wissenschaft von der nicht tötenden Gesellschaft", deutsche Ausgabe, S. 11-12)

Als mich Johan Galtung im Juni 1984 im Bundestag in Bonn mit Glenn Paige bekannt machte, bei einem Hearing der Grünen zur sozialen Verteidigung, ahnte ich noch nicht, dass er mich und dann auch Petra Kelly, die das Hearing initiiert hatte, bald nach Honolulu an seine Universität einladen würde. Dort machte er mich mit den Kämpfen der Ureinwohnerinnen gegen den Landraub und die kulturelle Enteignung
bekannt, mit denen der Quaker und Kirchengruppen gegen die Militarisierung der Inseln, mit den gewaltfreien Aktionen gegen die Atom-U-Boote in der Nähe von Pearl Harbour und mit friedfertigen koreanischen Tempelbesuchern … Dies assoziiere ich mit seinem Buch, ein Buch, das zum scharfen Umdenken in den politischen Wissenschaften und Sozialwissenschaften, in Fragen der Gewalt und Kriegsprävention und in der öffentlichen Gesundheitspolitik zwingt. Auch verbinde ich damit seine freundliche und Menschen aus der Friedensbewegung vernetzende Person und die Ergebnisse seines Wirkens, Forschens und Lehrens in den letzten vierzig Jahren.


Wer zum Beispiel weiß aus unseren heutigen Massenmedien – in denen fast täglich, wenn nicht stündlich, Gewaltbilder als so genannte Informationen und Nachrichten über den Fernseh- und Computerbildschirm flimmern, ja schon auf Handys von Jugendlichen und Managern, die ihren Boni hinterherrennen –, dass die Weltgesundheitsorganisation inzwischen die Unmenge der Waffen und die Vielzahl des Tötens in der Welt als ein Gesundheitsproblem anerkannt hat und dazu aufruft, den Waffenhandel und den Hass, der zum Töten führt, wie eine Epidemie einzudämmen?

Welcher Philosoph, welcher Hirnforscher, welcher Verteidigungspolitiker in der Welt macht in unseren Massenmedien deutlich, dass die meisten Menschen nicht mit der Neigung zum Töten, sondern der zur Kooperation geboren werden? Wer zeigt präzise die Statistiken über Selbstmorde, über häusliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen, über Kriminalitätsmorde und die Toten durch Kleinwaffen in Afrika und Asien – und bei uns? Wer wagt es, das christliche Gebot »Du sollst nicht töten« zusammen mit entsprechenden Aufforderungen in Islam, Judentum, Buddhismus und anderen Glaubensrichtungen auf die Waffenindustrie, die Kriegsplanungen und die Gewalt-Unterhaltungsindustrie anzuwenden?

Glenn Paige wagt das, ein scharf analysierender, lebenserfahrener Mann, an dem sich viele zornige junge Männer in der Welt, die zu Gewalt und Waffen greifen, ein Beispiel nehmen sollten, ebenso wie die, die sie durch Hassreden, Gewaltvideos und plumpe politische Reden dazu ermutigen.

Als Frauenfriedenspolitikerin und als Freundin von Petra Kelly, als eine der 1000 »Women for Peace«, als Mitglied von »medica mondiale« und der IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung e. V.) und als Vertreterin des internationalen Friedensbüros der Frauen für Frieden kann ich nur dazu ermuntern, das Buch von vorne bis hinten zu studieren
und es in der Politik, der UNO und in Sicherheitsdebatten ernst zu nehmen. In den aktuellen Debatten über Konjunkturprogramme als weltweite Krisenlösungen kann man von Glenn Paige lernen, dabei eine Kontrolle und weitgehende Reduzierung der Tötungsmaschinen und Gewalt verherrlichenden Filme und Computerkillerspiele durchzusetzen, damit die Welt endlich nicht tötende Wirtschafts- und Verteidigungsformen entwickelt nach all den grausigen kleinen und großen Kriegen, die ungeheures Leid bewirkt haben.
Eine andere Welt ist möglich!

Eva Quistorp

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