Deutschland tötet nicht mehr – oder? Ein Situationsbericht

Aktualisiert (Dienstag, 30. November 1999 um 00:00 Uhr) Geschrieben von: Anis Hamadeh Dienstag, 20. Oktober 2009 um 21:23 Uhr

Ist das Töten in Deutschland ein Problem? Bei der Befragung einiger Dutzend deutscher  Studentinnen, Journalisten, Verkäuferinnen, Lehrer, Nachbarn und Bekannten (unter Ausschluss expliziter Friedensaktivisten) fand ich Folgendes heraus: Die meisten Befragten überlegten eine ganze Weile, für viele kam die Frage unerwartet und überraschend. Die Antworten waren individuell und nicht homogen, doch ließen sich Trends erkennen: die Ablehnung des Tötens einerseits und die Feststellung, dass das Töten von Menschen in anderen Ländern ein weitaus größeres Problem darstelle als im liberalen Deutschland, andererseits. Besonders wegen seiner Geschichte sei Deutschland gewissermaßen geläutert, eingebunden in den Westen und Europa und besonders sensibilisiert. Einzig der Krieg in Afghanistan wurde von mehr als der Hälfte der Befragten als konkretes Problem erkannt, vor allem wegen des Vorfalls am 4. September, als bei einer Militäraktion mehr als hundert Afghanis auf deutschen Befehl zu Tode kamen.

Nonkilling-Fragen
Die Fragen, die ich bei dieser Gelegenheit stellte, kamen aus dem Umfeld des Nonkillingzentrums, einer internationalen Organisation mit Basis in Hawaii, zu deren aktiven Mitgliedern auch ich gehöre (1). Unser Anliegen ist die Verwirklichung von nicht tötenden Gesellschaften weltweit und wir fragen: Ist eine nicht tötende Gesellschaft möglich? Wenn ja, warum, und wenn nein, warum nicht? Wie sieht ein Wandel vom Töten zum Nichttöten (und umgekehrt) aus und welches sind die Merkmale nicht tötender Gesellschaften? Zu den Indizes gehören die Abschaffung der Todesstrafe, der Umgang mit Kriegsdienstverweigerern sowie psychologisch-biologische, politische, ökonomische und weitere Faktoren. (2)
In der Tat ist das Töten von Menschen in anderen Ländern ein weitaus größeres Problem als in Deutschland. Dies zeigte sich mir mit großer Deutlichkeit während der zweiwöchigen “Global Nonkilling Leadership Academy” (3) in Honolulu vom 4.-16. Oktober 2009 – der ersten Veranstaltung dieser Art –, an der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus zwölf Ländern vertreten waren: Liberia, Thailand, den Philippinen, Kenia, Hawaii (USA), Palästina, Westsahara, Bangladesch, Indien, Italien, Libanon und Deutschland. Im Organisationsteam waren außer US-Amerikanern auch ein Teilnehmer aus Kolumbien und einer aus Galizien. In den meisten dieser Länder ist das Problem des Tötens viel virulenter, sei es durch hohe Mordraten (Kolumbien, Liberia), dem Fakt einer tödlichen Besatzung (Palästina, Westsahara) oder anderen Faktoren.

Export tödlicher Waffen
Trotz dieser Fakten lässt sich konstatieren, dass Deutschland bei genauerem Hinsehen einen wesentlichen Anteil am Töten in der Welt hat. Erstens: Deutschland ist der viertgrößte Waffenexporteur in der Welt!  Zweitens: Diese simple Tatsache ist den meisten Bürgerinnen und Bürgern völlig unbekannt, was umso erschreckender ist, wenn man die deutsche Geschichte von Hexenhammer bis Holocaust berücksichtigt. Die Unwissenheit der Bevölkerung über den Export von tödlichen Waffen bringt mit sich, dass keine fundierte Diskussion über diesen Punkt stattfindet. Sie könnte wohl stattfinden, wenn Journalisten und Politiker sich des Themas annähmen, Menschen also, von denen erwartet werden muss, dass sie mit der Materie vertraut sind.
Es sind im Wesentlichen zwei Argumente, die die Herstellung und den Verkauf tödlicher Waffen in Deutschland rechtfertigen sollen: Das erste ist ökonomischer Natur, denn wir alle möchten Geld verdienen und eine blühende Wirtschaft gilt als hoher Wert. Das zweite lautet: Wenn wir es nicht tun, tun es andere. Beide Argumente sind zumindest problematisch, wenn nicht sogar ungültig. Bringen wir sie auf die Spitze, um dies zu erläutern: Kaum jemand würde das Argument des Geldverdienens für einen Berufskiller für legitim erklären. Und niemand würde die Gaskammern mit dem Hinweis rechtfertigen, dass andere sie betrieben hätten, wenn man es nicht selbst getan hätte.
Es gibt in unserem Land einige aufzählbare Individuen, die jährlich mehr als eine Million Euro damit verdienen, Waffen ins Ausland zu verkaufen, mit denen Menschen getötet werden. Ich möchte diesen Männern folgenden Gedanken auf den Weg geben: Wenn ihr wüsstet, wie befriedigend es ist, sich für das Leben von Menschen einzusetzen statt für das Töten, ihr würdet euer Leben ändern! Wenn ihr um die Befreiung des Selbst wüsstet, um die Mechanismen der Kreativität und das Geheimnis des Glücks, wenn ihr wüsstet, was es bedeutet, dass ein gutes Gewissen Flügel verleiht – wahrlich, ihr würdet euer Tun lassen. Dies sagt einer, der sich vom Gewaltdenken losgesagt hat und dafür reichlich beschenkt wurde, mit Inspirationen, die sich bislang in etwa zehn Büchern, 110 Songs und Dutzenden von Bildern ausgedrückt haben. Jemand also, der tatsächlich erlebt, wovon er spricht, und der weder an Didaktik noch an Abstraktionen glaubt, sondern – begründet – an Läuterung und Kreativität.

Unterstützung tödlicher Ideologien
Ein zweiter Fall, der Deutschland unmittelbar mit dem Töten in Verbindung bringt, sind die Kriege verbündeter Nationen, vor allem die der USA, Großbritanniens und Israels. Diese Länder befinden sich seit Jahrzehnten in permanenten Kriegszuständen, weil sie die militärische Kraft dafür haben und weil sie nie eine so vernichtende Niederlage erlitten haben wie Deutschland. Nach Hexenhammer und Holocaust gibt es in Deutschland eine Verantwortung, sich für das Nichttöten einzusetzen, weil die Deutschen wie keine andere Nation wissen, wie falsch das Töten ist. Das Argument, nach dem wir Deutsche kaum Einfluss auf andere Gesellschaften haben, ist schlicht unhaltbar, denn die deutsche Position in der Weltgeschichte der Zivilisation ist unleugbar, wie die Kolleginnen und Kollegen der Goethe-Institute und des DAAD jederzeit und jedem bestätigen können. Gerade wegen seiner Geschichte kann Deutschland den humanistischen Gedanken des Nichttötens unterstützen und verwirklichen wie kein anderes Land auf diesem Planeten. Warum also findet diese Diskussion in unserem Mainstream nicht statt? Die Waffenexporte und die blinde Gefolgschaft sind nicht die einzigen deutschen Beiträge zum Töten in der Welt, jedoch für diesen Essay ausreichend.

Der Baader Meinhoff Komplex
Eines der besten aktuellen Beispiele, um das oben beschriebene Paradoxon zu erklären – oder zumindest zu illustrieren – ist der Film “Der Baader Meinhoff Komplex” von Bernd Eichinger, der auf einem Buch von Stefan Aust basiert. Der Film zeichnet den RAF-Terrorismus der 70-er Jahre nach und bleibt dabei sehr dicht an der Oberfläche äußerer Ereignisse. Man sieht in dem Film eine zum Teil bis ins kleinste Detail nachgestellte Rekonstruktion von Tätern und von Opfern – die Tragweite der Situation bleibt dahinter verborgen und wird kaum zum Thema. Eine einzige Figur in diesem Film geht der Sache auf den Grund, nämlich der BKA-Chef, der von Weltklasse-Schauspieler Bruno Ganz verkörpert wird. Eine Rolle, die nicht einmal ein Prozent des Streifens ausmacht und die doch der Schlüssel zur gesamten Problematik ist. Die ungerechten Kriege und Konflikte in der Welt sind ein Fakt, der nicht ausgeklammert werden kann, sagt dieser Mann mit dem ganzen Gewicht seiner Position in einem einzigen, donnernden Satz. An zwei oder drei weiteren Stellen wird dieses Motiv variiert und wiederholt, jedoch wird es stark überlagert von der Fokussierung auf Täter und Opfer. Ein Paradebeispiel für das Mainstream-Denken in unserem Land.
Es mag darauf zurückzuführen sein, dass die USA bei allem Hiroschima, Nagasaki, Korea, Vietnam, Irak und so weiter und so fort die Deutschen von Hitler befreit haben (zusammen mit anderen Nationen wie Russland), und darauf, dass der Verbündete Israel (fälschlich) mit den Opfern des Genozids gleichgesetzt wird. Ganz tief unten allerdings müssen wir einen tief verwurzelten Glauben an Gewalt und auch Tötungsgewalt konstatieren, der nicht einmal von der (angeblich) vorherrschenden Religion des Christentums (Du sollst nicht töten!) relativiert und in seine Schranken verwiesen wird.
Stefan Aust, dessen Hirn dieser Film letztlich entsprang, ist ein hervorragendes Beispiel für einen deutschen Mainstream-Intellektuellen, der diese Mentalität verkörpert. Er wirkt wie ein schlauer, reflektierender und erfolgreicher Macher, bewegt sich aber stets an der Oberfläche der Gesamtsituation und ist aufgrund seiner Erziehung (nicht seiner Intelligenz) unfähig, die wichtigen Fragen herauszuarbeiten, die ja unverändert bis heute virulent sind.

Dichter und Denker
Das deutsche Potenzial aber ist viel größer als Zwerge wie Aust und Eichinger. Immer wieder begegnen mir in meinem Leben Riesen, wenn es auch selten ist, dass sie – wie etwa Jürgen Todenhöfer – eine größere Öffentlichkeit erreichen können. In Selbstverstümmelung verhaftet haben wir Deutsche uns mächtige Dogmen aufgebaut wie die blinde US-Gefolgschaft und die unreflektierte Solidarität mit israelischem Wahnsinn, dem stetigen destruktiven Aufkratzen des jüdischen Traumas mit Todesfolge für ursprünglich unbeteiligte Dritte – Palästinenser, Araber und Muslime nämlich.
Seit vielen Jahrzehnten dümpeln wir ohne Fortschritt dahin. Wir lehnen jegliches Heldentum ab, fast jegliche große Handlung und eigentlich jegliche Verantwortung, auch wenn wir dieses starke Wort stets auf den Lippen tragen. Wir versagen unseren Pisa-Kindern die Entfaltung, weil wir den Bruch mit unseren Gewaltdogmen fürchten und leben ein Schattendasein, von dem wir uns einreden, es sei Bescheidenheit. Was aber haben wir zu fürchten, wenn wir uns aktiv und konsequent für eine nicht tötende Welt einsetzen? Wenn wir uns über das schablonenhafte Opfer-Täter-Denken hinwegsetzen und uns auf die Situation konzentrieren? Wenn Hitler uns letztlich gelehrt hat, von Größe und Charakterstärke abzusehen – wahrlich, was für ein schlechter Lehrmeister war das! Hatten wir keine Bertha von Suttner, keine Petra Kelly, keinen Hermann Hesse, keine Vorbilder für die Zukunft? Doch, wir hatten und wir haben sie und sie sind vergraben in den Katakomben des Wissens. Weil wir nicht bereit sind, an etwas anderes zu glauben als das, was seit Jahrhunderten unser Denken bestimmt: Gewalt.
Glücklich sind wir damit nie geworden. Stets war es eine kulturpessimistische Minderheit, die uns geleitet hat. Niemand sagt, dass sich dies nicht ändern könnte. Natürlich können wir zusammenstehen. Wir dürfen uns mit all unserer Kraft und von ganzem Herzen für das Nichttöten einsetzen. Niemand wird auch nur versuchen, uns daran zu hindern. Es mag wohl sein, dass die Welt betrogen werden will, doch niemand kann dich daran hindern, dich dem zu verweigern.  

Fußnoten:
(1) Siehe www.nonkilling.org sowie www.nonkilling.de
(2) Siehe dazu die Bücher “Nonkilling Global Political Science” (2002) von Glenn Paige, online unter www.nonkilling.org/pdf/nkgps.pdf (deutsche Übersetzung im HWK-Verlag unter dem Titel “Nonkilling – Wissenschaft von der nicht toetenden Gesellschaft”) sowie “Toward a Nonkilling Paradigm”, hrsg. Von Joam Evans Pim (2009) mit Essays zum Thema aus 14 Fachgebieten, online unter www.nonkilling.org/pdf/volume_toward.pdf
(3) http://non-killing.net/academy

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